Motive und WegeManfred Forschner Statement von 2004 Die Gestaltungskraft erscheint mir wie eine Ausdünstung des menschlichen Denkens, eine Art Atmosphäre, die das Wirken des Menschen begleitet, ihn gewissermaßen eskortiert und wo immer Menschen gewesen sein mögen, sie war mit dabei: als Resultat einer Gruppendynamik oder als Leistung eines Einzelnen. Gestaltung ist das zwangsläufige Ergebnis unseres Daseins auf der Erde. Dabei hängt unsere Kunst direkt davon ab, was wir vorfinden: Farbige Steine und Erden machen unsereins zu Malern, Hölzer und Gesteine zu Bildhauern, Ton, Gips, Feuer lassen Plastiker aus uns werden, finden wir Eisen und Metalle sind wir Schmiede oder Objektemacher. Wo immer etwas zu formen oder einzufärben war, wurde wir magisch angelockt und spielerisch, teils konstruktiv, surreal, verfremdend oder nachahmend drangen wir in die Techniken ein, um sie schließlich geist- und ideenreich zur Vollendung zu bringen. Vielleicht erkennen wir hier unser allerwichtigstes Merkmal: Dieses gestalterische Ungestüm, welches wir in die arglose Natur hineintragen,. mit welchem unsere frühesten Vertretern die rohe Natur bezwangen und wir heutigen das querköpfige Beharrungsvermögen der Banausen überwinden.
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Sie sehen, ich vertrete eine Kunstauffassung, die mit der Magie des Möglichen umgeht. Und wenn Sie fragen, warum ich Künstler wurde, so kann ich nur sagen: Etwas war da, was mich anlockte, was mich antrieb, deshalb kam ich dort an, wo ich Kunst machte, und darum machte ich diese Art von Kunst, die ich machte. Kunst wirkte von Anfang an auf mich wie eine Woge, eine Welle die mich mitnimmt, herumreißt in einer Art Brandung, Brecher, einer Springflut, die mich wieder und wieder nach oben reißt, um mich dann mahlstromartig zu packen und tiefer und tiefer hineinzuziehen: Eine Trift oder Drift, wie auch immer ... Ein höchst persönliches Erleben unter dem Begriff „Kunst“, ein Identifikationsprozess, genauso, wie Kunst generell das Selbstverständnis der Nationen, der Kulturen oder des Marktes befördert. So vielgestaltig, wie die Kunst des 20sten Jahrhunderts hat sich noch niemals die Kunst einer Epoche gezeigt. Fast zögert man, all dies unter einen Überbegriff zu stellen. Zu vielfältig sind die Motive und Antriebe, zu unvergleichbar die individuellen Ausgangspunkte der Künstler in den Gesellschaften. Es gibt natürlich eine gewisse gönnerhafte Aufmerksamkeit, welche den musischen Talenten – wie den anderen Talenten auch - entgegengebracht wird. Das hat sicherlich viele Künstler in ihrem „gestalterischen Impuls“ bestätigt, wurde oft zur Keimzelle für die Entscheidung, Künstler zu werden, seine Umgebung mit Kunstprojekten zu konfrontieren, Haus und Hof mit Materialien, fertigen und halbfertigen Objekten und Bildern voll zustellen usw. usw. |
Wenn ich mich aber zurückerinnere an meine Anfänge, so denke ich, die erste Welle, die mich mitnahm, war ein Geruch, nämlich der Geruch der Ölfarbe: Terpentinöl, Leinöl, Mohnöl, Dammar-Firnis. Das hat lange gewirkt: betörend, trunkenmachend und berauschend.
Dass ich mich davon befreien konnte, verdanke ich meiner mehr und mehr „okularen“ Orientierung. Bis schließlich die Dinge selbst in mein Blickfeld kamen.. Es waren die Ready-mades von Marcel Duchamp, also Gegenstände, die ohne die Möglichkeit ihres Gebrauchs gedacht werden. Ich verarbeitete sie zusammen mit plastischen Materialien wie Polyesther. Jeder Gegenstand für sich eine Woge, ein Brecher, eine Brandung und alle zusammen der Malstrom, in welchem mein erstes OEuvre entstand.
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Nach dieser Phase begann ich wieder zu malen. Diesmal bemalte ich Klapp-, Falt- und Wandelgemälden, -objekte und -bilder. Die Klappbarkeit selbst wurde zu einer Leidenschaft, die mich bis hin zu elektrisch bewegten Bildern führte. Die Unermesslichkeit der kombinatorischen Möglichkeiten solcher Klappbilder hielt mich lange in Ihrem Bann. Ich fühlte mich als Erbe der Künstler der Wandelaltäre, ja allen dessen, was gefaltet, geklappt und geblättert werden kann. Es schien mir in jeder Tür, jedem Fenster, jedem Buch eine Vorlage aufzuscheinen, die nur ihrer Entdeckung harrte. Jedes Auge, jeder Mund spielten mir wieder und wieder das Klappbildthema vor. Anfang der 90er Jahre verfiel ich der Faszination der Stadtpläne. Ganze Städte wurden mir zu portraitwürdigen Organismen, deren Originalität und Eigenart ich schon in den Linien und Beschriftungen der Stadtpläne wahrnahm. Diese „Musen“ hatten nun wahrhaft erotische Reize. Ob ich nun Manhattan als eine Zunge mit Geschmack wahrnahm oder in Paris die Friedhöfe „femininisierte“. Lange Zeit gefiel ich mir selbst darin, mit dem Portrait einer Stadt „schwanger zu gehen“, mit dem Finger auf dem Stadtplan zu flanieren und dabei in magischen und berühmten Ecken einer Stadt „hängen zu bleiben“, bis ich in den ihr zugefügten Runzeln und Schrunden und Glanzpunkten die Poesie wahrnahm, ihre Eigenart und Einmaligkeit begriff. Sie also wahrhaft porträtierte. |
Für einige Zeit in den 80er Jahren verfolgte ich die hoffnungslose Utopie des gigantischen Kunstprojektes, einer „Straße“, welche die ganze Welt umspannt, übersät von Objekten und Kunstwerken – eine globalisierte Ästhetik, grenz- und kontinentüberschreitend. Ein kleines Objekt dieses Projektes ist der Wandelturm in Bad Sachsa, aus dem Jahre 2001, geworden, ein großes Klappbild, welches durch die bewegt wird, die ihn besteigen. Vielleicht ergibt sich noch die Gelegenheit, weitere Teilstücke dieser „Kunststraße“ zu erbauen. Wandelturm/Detail |
Eines schönen, erschütternden Tages im Jahre 2001 erwachte ich mit dem Gedanken, der mich bis in die jüngste Zeit nicht losgelassen hat. Ich beschloss in der näheren oder ferneren Zukunft nur noch halbe Sachen zu machen und sinnierte über eine Ästhetik der „Halbheit“, dem Gegensatz zum Perfektionswahn einer gar nicht so perfekten Welt. Eine folgerichtige Idee steckt in diesem Projekt. Wenn wir davon ausgehen, dass große Ästhetik sich in der Kunst des Weglassens gefallen kann, dann liegt natürlich die Frage nahe: Wie ist es denn, wenn wir genau die Hälfte weglassen? Was muss geschehen, wenn solches Ansinnen nicht manieriert, nicht gestelzt oder verkrampft wirken soll? Ist es nicht eine spezielle Form der Reduktion? Nun, wenn es eine Reduktion ist, dann hat es eine Chance sich als Ganzes im Kopf zu realisieren. Fest steht, dass der Kopf des Betrachters schon eine ganze Menge von Aspekten der Kunst selbst realisieren muss: Angefangen von der dritten Dimension in der Fläche, bis hin zu Vergleichen mit Bildern die nur virtuell anwesend sind. Jedenfalls spielt die Erfahrung beim Erfassen und Erkennen von Kunst eine große Rolle und diese Erfahrung sollte man dem Betrachter auch im Falle geteilter und zerlegter Bilder nicht vorenthalten. Einmal schon wurden zwei halbe Ausstellungen in zwei Städten realisiert, die sich aufeinander bezogen und nur gemeinsam ein Ganzes bildeten. Das Publikum war veranlasst beide Städte auf zusuchen, musste sich also „bewegen“, wenn es das Projekt als Ganzes erfahren wollte. Der Name dieser Doppelausstellung „Kunstbewegung“ lag damit auf der Hand. Doch auch „Halbheit“ ist nur eine Welle im Teich meiner Kunst – und wie ich feststellen muss, eine vergängliche Welle – zudem. Dies schließt eine weitere Ausstellung „Kunstbewegung“ trotzdem nicht aus. |
Derzeit strebe ich nach Zusammenarbeit mit einem Gegenüber und erschaffe es mir. Unklar lassen meine widerstreitende Gefühle seine Gestalt erstehen: Göttin, Vater, Titan oder einfach Partner? Ein nur Achtens- oder auch Verehrenswürdiges? Noch bin ich mir nicht sicher, ob es nur ein Experiment ist oder ein Gewinn? Dem ungeachtet entführt „es“ mich zu neuen Ufern und lässt Ströme frischer Ideen fließen!
Diesen Partner denke ich mir als Vorläufer, Vorfahre oder Vorgänger: Er wird uns als Mensch ähneln. Wir sind seine wichtigsten Relikte und seine Zeit ist ein Forschungsfeld, welches noch „Geheimnisse“ enthält. Kurzum, an dieser „Figur“ gestaltet die Wissenschaft vom Menschen (unabsichtlich) mit. Sie birgt wie ein realer Mensch Überraschungen. Gleichwohl erhalte ich mit den Erkenntnissen über die Entwicklung der Menschheit ein Material, mit welches sich fabelhaft gestalten lässt. Wenn ich nun die Bilder und Objekte dieses Kunstahnen herstelle, dann führe ich das Erleben und Erscheinungsbild eines Phantoms aus, denke mir ein zweites – unverbrauchtes – Leben und einen idealen Weggenossen, ein Alter Ego: Ich entflechte, was ich bin. Jedenfalls erfülle ich mir hier einen Wunsch und bilde ein Team! Das zweite große Thema, welches sich hinter dem Kunstahnen verbirgt ist der Homunkulus, dieses plastisch-gestaltbare Etwas, den eine |
Welt voller Erfahrungen erst erwartet. Ich hauche ihm Leben ein und arbeite seinen Charakter, sein Schicksaal, seine Äußerungen aus. Und nach meinem Willen ist er Freund, Partner, Rivalen, Geist, Bruder oder Göttin. Er kann seine Welt, unsere Welt reflektieren, kann Jüngling, Greis, Mann, Frau, komisch oder ernst sein. Durch die Mithilfe wirklicher Personen (z.B. Schauspieler) wird die erschaffene Figur dem Publikum vorgestellt, mit eigenem Willen und überraschenden Reaktionen. Die zeitlich fortschreitende Form dieses Textes ist irreführend, denn hier wird suggeriert, dass nur eine Entwicklung beschrieben ist. Um im Bildedes Mahlstroms aufzugreifen, beschreibt es das Hineingetrieben werden, in das Auge der Charypde. Die Endlichkeit des Lebens legt dies zwar nahe, weil der Verbrauch an Lebenszeit dadurch beschrieben ist, - ein Verrieseln der Zeit. In Wirklichkeit aber war mein Leben bisher ein Anhäufen, Ansammeln von Ideen und gestalterischen Visionen. Und alle, alle sind präsent, und blicke ich zurück, nehme ich die Ideen gleichzeitig wahr, wie das Rauschen der Brandung keine einzelne Welle, sondern das ganze Meer meint. Wenn Sie fragen, wie lange der Kunstahne noch diese Woge ist, die mich voranbringt, so antworte ich, dass Ihm selbstverständlich das gleiche Schicksaal zuteil wird, wie allen anderen Wellen, Brandungen, Springfluten, die mich ergriffen haben: Er wird zu einem Teil meines Repertoires als Künstler und Aspekt meiner Arbeit und wenn an irgendeinem Ort jemand neben Objekten, Klappbildern, Kunststraßenelementen, Wandeltürmen, Faltgemälden sich als Kunstahne zu erkennen gibt, bin ich irgendwie mit dabei. Manfred Forschner |
MANFRED FORSCHNER 93 Galerie der VSU, Saarbrücken Gruppenausstellungen (Auswahl) |
ab 77 10 jurierte Ausstellungen des 05 Galerie Apex Göttingen, Aktionen zu den Ergebnissen der Zusammenarbeit mit dem Kunstahnen
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